


30.04.26 –
Ein Abend, der unter die Haut ging. Ein Abend, der erinnerte, aufklärte und mahnte. Am 15. April um 20 Uhr im Hagensaal in Nienhagen wurde mit der Veranstaltung “Unsere Heimat zu
Zeiten des Nationalsozialismus“ eindrucksvoll deutlich, dass Geschichte nicht fern, abstrakt oder vergangen ist – sie war hier. In unserer Nachbarschaft. In unseren Straßen. In unseren Familien.
Der Heimatforscher und Ortschronist Matthias Blazek verstand es gekonnt, den Spagat zwischen fundierter Wissensvermittlung, Ernsthaftigkeit und feinem Humor zu meistern. Seine Vorträge waren keine trockenen Zahlenreihen, sondern lebendige Erzählungen über Menschen, Schicksale und systematische Auslöschung. Dabei machte er auch die enormen Schwierigkeiten historischer Aufarbeitung deutlich.
„Das Problem bei der Recherche rund um Persönlichkeiten und Opfer des Nationalsozialismus ist, dass unglaublich viel vernichtet wurde. Die Nationalsozialisten haben alles dafür getan, dass
Beweise verschwinden. So sind uns die Namen aus den Sterbebüchern von Auschwitz heute nur bekannt, weil damals jemand die Listen heimlich und unter Lebensgefahr mitgenommen hat“,
erklärte Matthias Blazek.
Der Abend begann mit einem Vortrag über die Comedian Harmonists, einem der populärsten Musikensembles der 1930er Jahre, und zugleich prominente Opfer des Nationalsozialismus. Drei ihrer Mitglieder mussten aufgrund ihres jüdischen Glaubens aus dem Deutschen Reich fliehen. Ihr Schicksal steht exemplarisch für den Verlust von Kultur, Vielfalt und Menschlichkeit.
Tief nachdenklich machte auch die Geschichte von Alice Lesser, die im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück die schlimmsten menschlichen Abgründe erlebte. Ihr gelang in den letzten Kriegstagen die Flucht während der Todesmärsche. Selbst nach der Befreiung kehrte sie zurück ins Lager, um den schwerkranken Frauen zu helfen, die nicht mehr fliehen konnten. Das ist ein bewegendes Zeugnis dafür, dass es selbst im größten Unrecht Menschlichkeit gab.
Auch die Geschichte von Julius Wexseler, einst Schützenkönig in Celle, machte still. Nach seiner Deportation wurde sein Name aus der Vereinschronik gelöscht und durch einen anderen ersetzt. In der öffentlichen Wahrnehmung galt er plötzlich als „verschollen“. Ein absurdes Detail mit tragischem Hintergrund und ein Beispiel für das systematische Auslöschen von Erinnerung durch die Nationalsozialisten. Menschen verschwanden einfach. Der Nachbar, die Verkäuferin aus dem kleinen Laden nebenan, der Vereinskamerad – plötzlich nicht mehr da. Ohne Erklärung. Ohne Spur.
Zum Abschluss beleuchtete Matthias Blazek das Schicksal der Familie Seligmann aus Adelheidsdorf, deren Mitglieder ganz unterschiedliche, tragische Wege gingen und ihnen fast alles genommen wurde. Ein weiteres Beispiel dafür, wie tief der Nationalsozialismus in das Leben ganz normaler Familien eingriff.
Alle diese Geschichten eint eines: Sie wären heute kaum noch bekannt, gäbe es nicht Menschen wie Matthias Blazek, die den Opfern des NS-Regimes ihre Namen, ihre Geschichte und ihre Würde zurückgeben.
Besonders berührend war darüber hinaus die musikalische Begleitung des Ensembles “Hevenu Shalom“ mit Ivan Neykof (Geige), Nemanja Lukić (Bajan) und Idan Levi (Flöte). Ihre Musik verlieh den geschilderten Schicksalen eine zusätzliche emotionale Tiefe und ging den Zuhörerinnen und Zuhörern unmittelbar ans Herz.
Mit eindringlichen Worten mahnte zum Ende der Veranstaltung auch der Ortsverbandsvorsitzende Jan Tasarek die Verantwortung der Gegenwart an. Er zitierte den Philosophen George Santayana mit den Worten „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ und appellierte, dass nie wieder der Hass unsere Menschlichkeit vernichten darf.
Die zentrale Botschaft des Abends war unmissverständlich:
Wir müssen wachsam bleiben. Wir müssen erinnern. Denn nur eine lebendige Erinnerungskultur kann verhindern, dass sich Geschichte wiederholt – gerade dann, wenn sie zunehmend von rechten Parteien und nationalistischen Strömungen infrage gestellt und angegriffen wird.
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